Tag 2: Einschusslöcher im Mietwagen

Samstag, den 7.März 2020
Ausgabe des Guyana Chronicle
Die Landeszeitung berichtet von den Protesten.

Schon um 4 Uhr aufgewacht. Die örtliche Zeitung Stabroek-News berichtet im Internet über die zahlreichen Proteste gegen die Vertuschung der Wahlergebnisse aus Region 4. Guyana Chronicle, die Zeitung, die wir im Hotel bekommen, zeigt Bilder der gewaltsamen Proteste.

Beim Frühstück erzählt unser Fotograf und Filmemacher Tom Vierus, der bereits einen Tag länger im Land ist, was er und Luke gestern in der Innenstadt erlebten. Ein Polizeibeamter (Riot Police) verlor bei den Protesten die Nerven und schoss mit einem Schrotgewehr auf den Boden. Man hörte das Pling – Pling der Querschläger. Eine der Kugeln hat Tom sich als Beweis aufbewahrt. Dass unser Mietwagen hinten drei Einschusslöcher hat, entdecken wir erst einen weiteren Tag später.
Zu dritt gehen wir die Tages- und Reiseplanung durch. Melinda meldet sich, dass unser Gesprächstermin zur Mittagszeit geplatzt ist, weil Joe Singh, ehemaliger Armee-Chef und Berater des Präsidenten, wegen der Wahlergebnisse zum Gericht muss.

Daher entschließen wir uns, mit den Interviews von Melinda den Tag zu beginnen. Gespannt sind wir auf das Haus. Und tatsächlich, ihr Haus ist sehr schön, umgeben von Schatten spendenden Bäumen und viel Grün. Außerdem hat sie einen am Kopf verletzten Esel zur Pflege aufgenommen, drei Hunde und ein paar Katzen, die sie ebenfalls von der Straße geholt hat. Ihr Haus steht auf Stelzen, ist gänzlich aus Holz und lässt überall den Wind durch. Hier lässt es sich aushalten. Aber sehr warm ist es trotzdem.

Über anderthalb Stunden geht das Interview, in dem Denis sie befragt und Tom filmt: „Der Rechtsstaat fällt als erstes dem Ölfluch zum Opfer (The rule of law is the first casualty of the „oil curse“)", ist eine der sehr pointierten Aussagen von Melinda.

Plastik überall

Plastikmüll am Strand
Ein Abfallsystem gibt es in Guyana nicht. Plastikmüll wird früher oder später ins Meer gespült, und gelangt von da an den Strand.

Am frühen Nachmittag fahren wir zur Küste. Erneut laufen wir an der vermüllten Meeresmauer entlang, um Filmmaterial zu sammeln. Melinda erzählt uns von früheren Zeiten, in denen dies ein wunderschöner Weg zum Prominieren und sich Erholen war. Heute ist es entsetzlich: Überall liegt vom Wind angewehter oder vom Meer angeschwemmter Plastikmüll herum, Wasserflaschen, Tüten, Unrat. Auch erfahren wir, dass es keine Abwasserreinigung gibt, alles wird ins Meer geleitet. Sprich, das Wasser sieht nicht nur wegen des nahrungsreichen Schlamms dreckig aus, es ist auch verseucht. Das kümmert die vereinzelten Schwimmer wenig, auch nicht, dass hochgiftige portugiesische Galeeren, eine Feuerqualle, herumtreiben.
 

Ute und Melinda sitzen auf der Seawall


Ute und Melinda werden von Tom gefilmt

Wir machen anschließend einen Rundgang durch die Stadt an den offiziellen Gebäuden entlang, Blick auf die Ruine der alten Transsüdamerika-Eisenbahn-Station, bis zum historischen Stabroek Markt. Luke gibt eine Runde Zuckerrohrsaft aus, der mir aber nicht so richtig schmecken will.