Berlin, 13.07.2026
Morgen jährt sich die verheerende Flutkatastrophe im Ahrtal zum fünften Mal. Zu diesem Anlass fordert urgewald den Bundestag und die Bundesregierung erneut auf, schnellstmöglich ein solidarisches und für Verbraucher*innen bezahlbares Versicherungssystem einzuführen. Denn weiterhin sind nur rund 57 Prozent der Wohngebäude gegen Elementarschäden wie Überschwemmungen oder Starkregen versichert. Im Katastrophenfall springt der Staat daher regelmäßig mit Soforthilfen in Milliardenhöhe ein, allein 30 Milliarden Euro im Zuge der Ahrtalflut-Katastrophe. Da solche Schäden infolge der Klimakrise weiter zunehmen, drohen staatliche Haushalte und Verbraucher*innen finanziell zunehmend überfordert zu werden.
Um dem entgegenzuwirken, sieht der Koalitionsvertrag von Union und SPD die Einführung eines öffentlich-privaten Versicherungssystems gegen Elementarschäden vor – doch die vom Bundesjustizministerium angekündigten Eckpunkte lassen weiterhin auf sich warten. „Wir brauchen endlich ein flächendeckendes, solidarisches System, das Klimarisiken bezahlbar absichert und niemanden im Schadensfall alleinlässt“, sagt Anna Lena Samborski, Versicherungs-Campaignerin bei urgewald.
Dabei zeigen die öffentlich-privaten Versicherungssysteme in Frankreich und in den Schweizer „GUSTAVO“-Kantonen [1], wie ein solidarisches System auch in Deutschland aussehen könnte. Die dortigen Modelle zeichnen sich durch eine hohe Versicherungsdichte von bis zu 98 Prozent bei gleichzeitig relativ niedrigen Prämien aus. So liegt die durchschnittliche Jahresprämie für eine Elementarschadenversicherung im Gebäudebereich in Frankreich bei 42 Euro. In einem Hintergrundpapier [2] von April 2026 hat urgewald unter anderem diese beiden Systeme analysiert. Die Fraktion Die Linke hat vor kurzem einen Antrag in den Bundestag eingebracht, der Elemente beider Modelle miteinander verbindet.[3]
urgewald weist zudem auf die zwiespältige Rolle der Versicherungsbranche in der Debatte in Deutschland hin. Denn diese heizt die Klimakrise aktiv weiter an, indem sie fossile Projekte absichert und in fossile Unternehmen investiert.[4] Gleichzeitig lobbyiert die Branche aus eigenen finanziellen Interessen seit Jahren gegen ein solidarisches System mit einer flächendeckenden Absicherung und niedrigen Prämien. Für urgewald macht das eine Ausweitung der Debatte nötig. Dazu sagt Samborski: „Da die Versicherungslobby die Einführung eines solidarischen, öffentlich-privaten Systems seit Jahrzehnten ausbremst, ist es an der Zeit, auch über rein staatliche Lösungen zu diskutieren.“
Vorbild könnte das Schweizer System in Kantonen mit staatlichem Monopolversicherer sein. Dieses gilt als hocheffektiv. Die Prämien sind dabei deutlich niedriger als in Kantonen mit privaten Anbietern. Gleichzeitig fließen Gelder aus dem System direkt in Präventionsmaßnahmen, was Schäden reduziert und somit auch langfristig für relativ niedrige Prämien sorgt. Zwar wären staatliche Monopolversicherer wie in der Schweiz aktuell nicht mit EU-Recht vereinbar. Jedoch ließe sich, etwa über ein Fonds-System, ein ähnliches Modell auch in Deutschland etablieren.
Die Debatte um eine solidarische Elementarschadenversicherung hat auch eine grundlegende Bedeutung aus Sicht der Klimagerechtigkeit, betont Samborski: „Mit der Diskussion über die Absicherung von Klimaschäden ist eine zentrale Frage der Klimagerechtigkeit mitten in Deutschland angekommen: Wer soll die Kosten der Klimakrise zahlen? Die fossile Industrie muss als Hauptverursacherin der Krise an den Kosten für Prävention und Klimaschäden beteiligt werden.“
In diesem Kontext lohnt sich ein Blick auf die sogenannten „Climate Superfunds“, welche 2024 in den US-Bundesstaaten Vermont und New York erlassen wurden. Diese Fonds sollen durch Zahlungen der fossilen Industrie gespeist werden und daraufhin Präventionsmaßnahmen sowie die Bewältigung von Klimaschäden finanzieren. Die Einbettung eines solchen Fonds in ein solidarisches Versicherungssystem würde die fossile Industrie direkt an den Kosten der Klimakrise beteiligen, Präventionsmaßnahmen stärken und die Prämien für Verbraucher*innen weiter senken. Fünf Jahre nach der Ahrtal-Katastrophe ist es höchste Zeit, auch in Deutschland die notwendigen politischen Entscheidungen für solche Schritte zu treffen.
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In der Schweiz gibt es zwei Systeme. In den meisten Kantonen wird die Elementarschadenversicherung verpflichtend über staatliche Monopolversicherungen abgewickelt. In einigen wenigen Kantonen, den sogenannten GUSTAVO-Kantonen, gibt es hingegen ein öffentlich-privates System, was auf privaten Versicherern basiert und vom Staat reguliert wird.
- Das Hintergrundpapier zum Download: https://www.urgewald.org/sites/default/files/media-files/Hintergrundpap…
- https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2026/kw16-de-elementarsch…
- https://shareaction.org/reports/insuring-disaster-2026-shareactions-ass…