Bundesregierung genehmigt Rosatom-Brennstoffprojekt in Lingen: Große Sicherheitsbedenken

Pressemitteilung

Berlin/Lingen, 20.02.2026

Bundesregierung genehmigt Rosatom-Brennstoffprojekt in Lingen: Große Sicherheitsbedenken

Die Bundesregierung möchte laut Medienberichten offenbar den umstrittenen Ausbau der Brennelementefabrik im niedersächsischen Lingen unter Auflagen genehmigen. Hintergrund ist das Vorhaben zur gemeinsamen Fertigung hexagonaler atomarer Brennelemente durch die französische Framatome mit dem russischen Staatskonzern Rosatom. Solche Brennelemente werden in den WWER-Reaktoren sowjetischer Bauart in verschiedenen nord- und osteuropäischen Ländern eingesetzt. Das Projekt wird von Advanced Nuclear Fuels (ANF), einer Tochtergesellschaft von Framatome, in der Lingener Anlage geplant.

Die Genehmigung könnte Rosatom über seine Tochtergesellschaft TVEL eine operative Rolle in Deutschlands einziger Brennelementfabrik ermöglichen – in einer Zeit, in der die Europäische Union daran arbeitet, ihre strategische Abhängigkeit von Russland nach dessen Invasion in der Ukraine zu verringern.

Rosatom ist als staatliches Unternehmen direkt dem Kreml unterstellt. Über die zivile Erzeugung von Atomenergie hinaus ist es ein zentraler Teil von Russlands strategischen industriellen und militärischen Lieferketten und spielt eine Schlüsselrolle in Moskaus geopolitischen Plänen.

Die heutige Entscheidung stößt auf scharfe Kritik von Umweltschutzorganisationen und Atomexpert*innen, die vor den gravierenden Risiken durch den Einfluss von Rosatom-Mitarbeiter*innen in der Lingener Anlage warnen. Das Projekt gewährt Kreml-treuen Atomtechniker*innen potenziell Zugang zu sensiblen Atomanlagen im Herzen Europas – mit allen damit verbundenen Gefahren bezüglich Spionage und hybrider Kriegsführung, vor denen europäische Sicherheitsbehörden wiederholt warnen.

Reaktionen von Expert*innen

Vladimir Slivyak, Co-Geschäftsführer der in Russland gegründeten Organisation Ecodefense und Träger des Alternativen Nobelpreises, sagt aus seinem Exil in Deutschland: „Diese Entscheidung stärkt ein Unternehmen, das Teil der russischen Kriegsmaschinerie ist, und verschafft dem Kreml einen Zugang nach Deutschland. Im Herzen der EU birgt dieses Vorhaben große Sicherheitsrisiken für uns alle. Atominfrastruktur, die vor jeglicher Möglichkeit hybrider Kriegsführung und Spionage geschützt werden sollte, wird so zum Einfallstor für russische Einflussnahme.“

Slivyak ergänzt: „Jeder neue Vertrag mit Rosatom trägt zur Finanzierung von Russlands Krieg gegen die Ukraine bei und vertieft die Abhängigkeit Europas von einem feindlichen Staat. Das Lingen-Projekt muss gestoppt werden und die EU muss jegliche Zusammenarbeit mit Rosatom beenden.“

Patricia Lorenz, Atomexpertin bei Friends of the Earth Europe, ergänzt: „Die heute erteilte Genehmigung für die Anlage in Lingen ist ein Versuch, die Abhängigkeit von Rosatom in Russland zu mindern durch eine gemeinsame Brennstoffproduktion mit Rosatom in Deutschland. Zusätzlich zur bestehenden Abhängigkeit der Länder mit WWER-Reaktoren entsteht damit ein weiteres Sicherheitsrisiko in Deutschland und der EU. Dies zeigt die enorme Abhängigkeit der Atomindustrie von Russland und den großen Einfluss von Rosatom auf politische Entscheidungen.“

Hintergrund

Die Erweiterung soll die Fertigung spezieller atomarer Brennelemente für WWER-Druckwasserreaktoren aus sowjetischer Produktion ermöglichen, die noch in mehreren nord- und osteuropäischen Ländern in Betrieb sind. 

Das Rosatom-Projekt in Lingen stößt auf starken und anhaltenden Widerstand von lokalen Aktivist*innen und Umweltorganisationen. Seit seiner Einreichung im März 2023 gab es mehr als 11.000 formelle Einwände [1] gegen das Vorhaben und im November 2024 eine öffentliche Anhörung dazu [2]. Die lokale Gruppe AgiEL hat regelmäßig Demonstrationen organisiert, darunter einen Protest im Oktober 2024 [3], bei dem vor Sicherheitsrisiken und der Einflussnahme Russlands in der europäischen Energieinfrastruktur gewarnt wurde. 

Am 5. Dezember 2025 lehnte eine Mehrheit der Mitglieder des Deutschen Bundestags einen Antrag der Grünen ab, die Zusammenarbeit mit russischen Unternehmen in der Anlage in Lingen zu verhindern. 454 Abgeordnete stimmten dagegen, 130 dafür.

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  1. Vgl. https://www.umwelt.niedersachsen.de/startseite/aktuelles/pressemitteilungen/energieminister-meyer-der-einfluss-russlands-auf-den-atomsektor-in-deutschland-und-europa-bereitet-mir-grosse-sorgen-237252.html 
  2. Vgl. https://www.ardmediathek.de/video/hallo-niedersachsen/gefahrenlage-eroerterungstermin-zur-brennelementefabrik-lingen/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS8wYjZhNjdiYi00YWVjLTQ2MjUtYjNjOS0xZDljZGRjOWRlYWQ 
  3. Vgl. https://atomstadt-lingen.de/2024/10/15/26-oktober-2024-13-uhr-anti-atom-demo-ab-bahnhof-lingen/ 
Bild von Moritz Schröder-Therre
Moritz Schröder-Therre
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