30 Jahre urgewald 🎉   mehr lesen >> weiterlesen

Zentralbanken heizen Klimakrise weiter an

Pressemitteilung
Washington/USA, Berlin/Deutschland 24.08.2021

Zwölf der grĂ¶ĂŸten Zentralbanken der Welt unterstĂŒtzen weiterhin fossile Energien durch ihre GeschĂ€ftspolitiken und direkten Finanzierungen. Dies steht im krassen Gegensatz zu ihren aktuellen Versprechungen, ihre AktivitĂ€ten an Klimazielen auszurichten. Zu diesem Ergebnis kommt ein neuer Bericht der US-amerikanischen Nichtregierungsorganisation Oil Change International, der von der deutschen Umweltorganisation urgewald mitgezeichnet wurde.

Dabei wurden die Zentralbanken von Kanada, China, der EuropÀischen Union, Frankreich, Deutschland, Indien, Italien, Japan, Russland, der Schweiz, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten untersucht. Es wurden zehn Kriterien herangezogen, um die Reaktionen der Zentralbanken auf die Klimakrise zu bewerten. Das Ergebnis: Keine der zwölf untersuchten Zentralbanken trÀgt auch nur bei einem der zehn Kriterien klar zur Erreichung der Pariser Klimaziele bei.

Die Kriterien konzentrieren sich auf drei Aspekte der TĂ€tigkeit von Zentralbanken:

  • Vermögensverwaltung: inwiefern finanzieren Zentralbanken mit ihren Eigenanlagen fossile Energien bzw. schließen diese aus?
  • Regeln und UnterstĂŒtzung fĂŒr GeschĂ€ftsbanken: welche Zentralbank-Maßnahmen unterstĂŒtzen die Finanzierung fossiler Energien durch GeschĂ€ftsbanken, welche schrĂ€nken sie ein?
  • GeschĂ€ftspolitiken und Forschung: welche offiziellen ErklĂ€rungen der Zentralbanken sowie Forschungs- und KlassifizierungsaktivitĂ€ten gibt es, um die zukĂŒnftige Finanzierung fossiler Energien zu regeln?

„Die Zentralbanken haben Zugang zu bedeutenden Instrumenten im Kampf gegen die Klimakrise. Aber statt diese zu nutzen, um die Finanzierung fossiler Energien tatsĂ€chlich zu unterbinden, bleiben sie weitgehend tatenlos“, sagt David Tong, Global Industry Campaign Manager bei Oil Change International und einer der Autoren des Berichts. „Angesichts des Ausmaßes und der Dringlichkeit der Klimakrise sollten Zentralbanken keine weitere Zeit verlieren und den Finanzsektor in eine neue, klimasichere Richtung fĂŒhren.“

Zwar haben einige Zentralbanken Schritte unternommen, um die Transparenz und die Berichterstattung ĂŒber klimabezogene Risiken zu erhöhen. Diese begrenzten Maßnahmen werden jedoch von der gleichzeitigen UntĂ€tigkeit der Zentralbanken bezĂŒglich Finanzierung fĂŒr fossile Energien ĂŒberschattet. Damit ließen sie ihr Potenzial ungenutzt, zwischen 2016 und 2020 den Fluss von 3,8 Milliarden US-Dollar in diesen Sektor zu verhindern. Fatalerweise stieg in diesem Zeitraum sogar die Finanzierung fossiler Energien an, selbst in Explorations- und Erschließungsprojekte, die zu mehr Verbrennung fossiler Energien fĂŒhren werden.

Der Bericht stellt fest, dass die Zentralbanken besonders in ihrer Rolle als Aufsichtsbehörden fĂŒr die GeschĂ€ftsbanken versagt haben. Die ihnen zur VerfĂŒgung stehenden Instrumente bezogen auf fossile Energien sind bisher weitgehend ungenutzt geblieben: Zentralbanken haben VorschlĂ€ge ignoriert, RĂŒcklageanforderungen oder aufsichtsrechtliche Vorschriften zu nutzen, um diese Finanzierungen zu verhindern und sie haben sich Forderungen widersetzt, ihre Mandate der Klimakrise anzupassen.

„Die Zentralbanken haben ihre Rolle historisch mehrfach neu interpretiert, gerade in der jĂŒngeren Vergangenheit, um auf die Finanzkrise 2008-2009 und die aktuelle COVID-19-Krise zu reagieren. Jetzt mĂŒssen sie auch die Klimakrise einbeziehen, die nicht nur die FinanzstabilitĂ€t, sondern die gesamte Menschheit bedroht“, fordert Tong von Oil Change International. „Wenn die Zentralbanken nicht handeln, mĂŒssen die Regierungen, denen sie unterstellt sind, eingreifen. Sie mĂŒssen deutlich machen, dass die Zentralbanken zum Ende der gefĂ€hrlichen Finanzierung fossiler Energien entscheidend beitragen können, statt als NachzĂŒgler einen Sektor zu stĂŒtzen, der das Klimachaos antreibt.“

Der Bericht enthÀlt eine Reihe von Empfehlungen, um die AktivitÀten der Zentralbanken besser mit den Klimazielen in Einklang zu bringen:

  • Die Regierungen sollten die Mandate der Zentralbanken, wo erforderlich, Ă€ndern, damit sie zum Ende der Finanzierung fossiler Energien im Einklang mit dem Pariser Abkommen beitragen können;
  • Zentralbanken sollten:
    • ihre Vermögensverwaltung anpassen, um aus ihren Portfolios alle Sektoren auszuschließen, die fossile Energien abbauen und intensiv nutzen, sowie keine weiteren Investitionen tĂ€tigen, die mit dem Pariser Abkommen unvereinbar sind;
    • ihre Regulierungspraktiken bezĂŒglich GeschĂ€ftsbanken anpassen, um auch so die Finanzierung aller Sektoren zu unterbinden, die fossile Energien produzieren und intensiv nutzen, sowie um Investitionen zu verhindern, die unvereinbar mit dem Pariser Abkommen sind;
    • klimabezogene Stresstests durchfĂŒhren und klimabezogene Risiken erforschen sowie GeschĂ€ftsbanken dazu verpflichten, diese Risiken ebenfalls zu untersuchen.

Mit Blick auf Deutschland kommentiert Regine Richter, Finanzexpertin bei urgewald: „Die Deutsche Bundesbank und vor allem die BaFin spielen eine wichtige Rolle dabei, Regeln fĂŒr Privatbanken und deren Finanzierungen zu setzen. Sie mĂŒssen dies nutzen, um Finanzströme in fossile Unternehmen zu unterbinden. Und zwar schnell. Bundesbank-PrĂ€sident Weidmanns stĂ€ndige Betonung der ‚MarktneutralitĂ€t‘ ist angesichts der Klimakrise gestrig und unverantwortlich.“

Der Bericht mit dem Titel „Unused Tools: How Central Banks Are Fueling the Climate Crisis“ (zu Deutsch: „Ungenutzte Werkzeuge: Wie Zentralbanken die Klimakrise weiter anheizen“) wurde von Oil Change International in Zusammenarbeit mit Sunrise Project, Reclaim Finance und Positive Money erstellt. Er ist hier abrufbar: http://priceofoil.org/2021/08/24/unused-tools-central-banks/

Kontakt:

David Turnbull | Strategic Communications Director Oil Change International
+1 202 316 3499, david@priceofoil.org

Regine Richter | Finanz-Campaignerin urgewald
+49 (0)170 2930 725, regine@urgewald.org

Stefanie Jellestad | Pressesprecherin urgewald
+49 (0)30 8632 922-60, stefanie.jellestad@urgewald.org